Livigno kann auch Wild. Einsam. Und ausgesetzt. Eine mittelschwere, 28km lange Panoramatour vom Lago di Livigno startend, die meine Erwartungen weit übertroffen hat. Zwei Gipfel, ein ausgesetzter Grat, 3 Steinböcke, 1 Steinadler und ein endlos erscheinender Abstieg durchs wunderschöne Val del Canton & Val Viera…

Teil 2 aus Livigno, was sonst noch passierte und warum mein Stresslevel auf fast 3000m auch mal ausschlagen kann? –> Livigno im Sommer – 3000er & Dolce Vita Jetzt widme ich mich ganz dem Cima Cavalli (auch Corna Cavalli), einem wirklich empfehlenswerten Gipfel mit 360° Panorama übers Valtellina, Blick auf den Lago Livigno, den Stelvio Nationalpark, die Ortler-Cevedale & Berninagruppe,…

TOURFACTS:

Startpunkt direkt am Lago Livigno nach der ersten Lawinenverbauung (Parkplatz rechts) – nahe Ponte Viera 1808m. Aufstieg via Il Motto 2716m – Bocchetta del Cantone Sattel 2734m – Cima Cavalli 2991m – zurück zum Sattel – Abstieg ins Val del Canton und weiter ins Val Viera (Teil des Stelvio Nationalparks) und zurück bis zum Lago Livigno.

Ca. 28km, 1200hm mit kurzen versicherten Abschnitten, ausgesetzten Partien und losem Geröll im Auf- & Abstieg zum Gipfel (Trittsicherheit, Kondition und alpine Erfahrung notwendig) Für Kinder nicht zu empfehlen!

Besonderheit: offene, unbewirtschaftete Schutzhütten / Biwak auf dem Weg: Baitel di Staur (mit Feuerplatz und Quelle) unterhalb des Il Motto & Baitel dal Canton im Val Viera (starke Winterschäden – fast komplett zerstört)

Morgens am Lago bin ich gespannt – eine Tourenbeschreibung konnte ich online nicht wirklich finden – nur die Karte zeigt mir den Wegverlauf. Eigentlich bereite ich mich gerne immer ganz genau vor. Heute ist aber Lele dabei, seinerseits Bergführer (Livigno Alpine Guides) und ich bin nicht alleine unterwegs. Team DACH in abgespeckter Version (Bene, Richie und Dasha – ihre erste richtige Bergtour). Dazu noch 2 Holländer und ein weiterer Italiener. Die Gruppengröße kann ich grad noch verkraften. Vor allem, wenn sie so harmonisch ist…

Steiler Aufstieg im Wald zum Il Motto | Monte Mot 2716m

Knappe 1000 Höhenmeter auf nur wenigen Kilometern – der erste Teil des Aufstiegs ist die exakte Strecke des K17 beim Livigno Sky Race. Steile Serpentinen – zum Glück großteils im Wald. Nach 15 Minuten tropft der Schweiss. Nicht nur bei mir. Lele legt ein Tempo vor, dass ich nicht halten kann und will – bei fast 30km Strecke und ausgesetzten Partien weiter oben. Ich teile mir lieber meine Kraft ein und will nicht gleich kotzen… Team Dach bremst also. Wer auf der Höhe lebt und trainiert, rennt diese Strecke bis zum Sender am ersten Gipfel lockere unter 40 Minuten. Wir machen bei der ersten Schutzhütte, der Baitel di Staur (a super schönes Platzal mit See- & Talblick) erstmal kurz Pause. Sonnencreme nachlegen – Schweiss lass nach, der Planet brennt. Manche füllen jetzt schon komplett ihre Wasserflaschen wieder auf – da lobe ich mir meine Trinkblase. Von hier aus zeigt sich der Cima Cavalli – fast. Er ist gschamig und trägt oben noch ganz schön dichte Wolken. Der Monte Mot ist übrigens vom Tal aus leicht erkennbar – ein massiver, grüner Buckel mit einem unsagbar hässlichen Sender. 

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Grat Nummer 1, Cima Cavalli direkt vor uns (c)Bene Höflinger

Gratwanderung – Grenzen im Kopf sind zum brechen da

Nach dem Sender wird kurz verschnauft. Unschwierig über eine Kuppe und ein Altschneefeld, bevor es wieder ein Stück bergab geht. Und zwar genau bis zu diesem besonderen Grat. Links und rechts abfallend, rutschig. Der Cima Cavalli erhebt sich direkt dahinter. Jeder Schritt muss sitzen und genau das sorgt bei dem ein oder anderen direkt für ein ungutes Gefühl. Dieser Abschnitt ist etwas mehr als 08/15 Wandern aber nicht unlösbar (und für mich eigentlich nicht der Rede wert). Aber man merkt die Anspannung bei mindestens 3 Personen in der Gruppe und deswegen: Tempo raus, Lele gibt Tipps zur Tritt-Technik. Das „drüber reden“ ist wichtig. Vor allem für diejenigen, die in dieser Situation schon leicht an ihre Grenze stossen. Dass dieser Grat hier noch pipifax ist, sehen sie nach einer Klettereinlage (I-IIer Gelände, mit Stahlketten versichert). Denn danach folgt linker Hand ein echtes kurzes, ausgesetztes Stück, bei dem der eigene Hintern so manchem zu Hilfe kommt. Das gehen am kurzen Seil hilft hier vor allem Dasha, die noch nie in so einem Gelände unterwegs war – Sicherheit für den Kopf. Danach dürfen alle tief luftholen – aber nur bis der erste die drei Steinböcke in der Wand unterhalb des Cima Cavalli entdeckt… für lange zuschauen haben wir aber noch zu viel vor uns.

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Piz Saliente links, Cima Cavalli rechts. Mittig: Bocchette del Cantone Sattel

Abstieg zum Bocchetta del Cantone 2734m

Der Blick auf diesen gewaltigen Sattel begleitet seit dem Grat – dahinter erhebt sich eine Felsformation, wie gemalt: der Piz Saliente 3048m (nur klettertechnisch zu erreichen). Nach einer Bachquerung (links würde ein Abstieg ins Val Saliente führen) geht es wieder steil in Kehren bergauf bis zur Einsattelung und dann rechter Hand Richtung Gipfel. Ab hier gibt es keine Markierungen mehr – der Steig durch losen Schotter und Geröll ändert sich ständig. Ein kurzer Abschnitte dicht am Felsen (endlich wieder fester Stein unter den Füssen), der zu einem kleinem Plateau führt. Das Gipfelkreuz sichtbar und fast greifbar. Dafür muss aber nochmals kurz abgestiegen werden, um dann gegenüber erneut einen Schritt vor und zwei zurück zu machen. Ich hasse losen Schotter und Geröll… 

Geröll-Schlacht zum Gipfel des Cima Cavalli 2991m

Und dann geht alles ganz schnell – nach der Ansage, dass wir spätestens gegen 2 an den Abstieg denken müssen (weil lange) und der Gipfel so nah ist, zieht jeder sein Tempo an und reisst die letzten Höhenmeter runter. Geschafft! Zum Minikreuz gibt es Maxi-Panorama – gewaltig schön! Und dann zieht auch noch ein Steinadler seine Kreise, schraubt sich über uns hoch und runter. Apropos runter: nach 20 Minuten Aufbruch – es liegt da noch ein gutes Stück Weg vor uns! Für alle ist das „abfahren im Geröll“ a saubere Gaudi und bis zum Sattel relativ schnell erledigt. Für mich weniger. Obwohl, ging ganz gut und schmerzfrei – mit richtigen Bergschuhen wär’s für mich sicher noch a bissal einfacher gewesen. Ein Panoramavideo vom Gipfel gibts auf Instagram in den Stories!

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(c) Richard Mayr | rechts hinter mir ist der Aufstiegsweg über die Kuppe ersichtlich
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A bissal Trist ist der erste Blick beim Abstieg…

Abstieg ins Val del Canton – when the going gets tough…

Steil bergab ins Tal, zum Teil wieder im losen Schotter, zum Teil auf dem in Serpentinen angelegten Weg. Vorbei an großen und kleinen Schmelzwasserfällen, der Blick schweift über das lange Tal – der Lago Livigno noch lange nicht sichtbar. Des wird a gscheider Hatscher (weite Strecke) und genau jetzt ist der Zeitpunkt, wo für einige die Qual beginnt. Mit Richie unterhalte ich mich über solche Momente, wenn die Konzentration und Kraft weniger wird, die Anspannung vom Gipfelaufstieg abfällt und der Rückweg ausgeblendet wird. Man sich über- und den Rückweg unterschätzt. Man merkt es an kurzen Stolperern. Auch ich bin davon nicht ausgenommen, weiss aber das ich mich voll fokussieren kann und muss. Der Abstieg ist noch immer meine bzw. Kreuzi’s Achillessehne. Wird das Knie bei so langen Touren müde, klappt die Trittsicherheit von alleine nicht mehr. Nicht ohne Grund heisst es: „der Gipfel gehört erst dann dir, wenn du wieder unten bist“.

Immer weiter, immer tiefer ins Tal – vorbei unter einem gigantischen Wasserfall, etliche Bachquerungen und über teilweise abgerutschte Schotterpfade. Der Winter hat hier gut gewütet. Erst links, dann rechts vom Bach – langsam zurück Richtung Wald. Weit kann es nicht mehr sein. Was ich erst jetzt mitbekomme: Dasha humpelt. Blasen – nicht nur an einem Fuß, sondern an beiden Fersen. Das beschissenste, was passieren kann. Neue Schuhe und dazu Designer-Socken: ein todsicheres Rezept für offene Füsse. Aber woher sollte sie das auch wissen? Sie ist stark – auch mental. Ablenkung hilft da trotzdem nur mehr wenig – aber Richie kann etwas, das ihr hilft. Ich hör ihn vorne nur flüstern und weiss genau, was läuft. Er meditiert mit ihr und es dauert nicht allzulange – das humpeln hört auf. Die Schmerzen werden weggeatmet, der Kopf umprogrammiert. Grossen Respekt! 

Goldenes Licht im Val Viera und Endspurt zum Lago di Livigno

Wunderschön. Glitzernde Altschneereste, tosendes Wasser, sattgrün unterbrochen von bunten Blüten. Latschen weichen Pinien und Nadelbäumen. Schmale Pfade, ein ständiges Auf- und Ab. Sehen, Riechen, Fühlen. Meine Art von Ablenkung. Alles aufsaugen. Wenn das bei mir nicht mehr hilft: voller Fokus auf das danach. Ich phantasiere über gegrillte Calamari, Thunfischsteak – ach ein ganzer Teller voller Meeresfrüchte. Pasta. Oder Grillgemüse. Kann es fast schmecken – so intensiv, das mein Magen nicht mehr zum knurren aufhört. Gut gemacht… eine Handvoll Nüsse hab ich noch – Einwurf. Und dann treffen wir im Wald endlich auf den Aufstiegsweg, kurz darauf (im Laufschritt) zurück am Lago… Kurz nach 5. Müde aber Glücklich. Alle Schmerzen & die Anspannung fällt ab – geschafft! Und die beste News: jetzt geht es zum Entspannen ins Holzfass, die Sauna und dann in das Restaurant des Aquagranda – bekannt für seine Fisch-Spezialitäten… als hätte ich es geahnt!

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Happy End am Lago di Livigno, nicht nur für Dasha & Richie (c)Bene Höflinger