Die wohl bekannteste Dolomiten-Lacke – der Sorapissee. Frühmorgens ein echtes Naturjuwel. Nur zu Fuss erreichbar, vom Passo Tre Croci 1805m mit überraschend schönen Panoramablicken ins wilde Val Bona, zu den Tre Cime di Auronzo und auf die schroffe Cadini di Misurina Gruppe.

Überlaufen, tot fotografiert, Badeverbot. Und doch ist die Anziehungskraft dieses (mittlerweile streng geschützten) türkisblauen Sees auf 1928m auch auf mich unwiderstehlich. Ich will ihn mit eigenen Augen sehen – und zwar ohne viel Geschrei, Gepose oder Menschenmassen. Deswegen kommt nur ein Zeitpunkt in Frage. Frühmorgens und unter der Woche. Ende August, an einem Dienstag ist es soweit…

Tourfacts
Normalweg: Start am Passo Tre Croci 1805m zw. Cortina d´Ampezzo & Misurina (Belluno, Italien – Parken am Strassenrand erlaubt) – Weg 215 mit kurzen ausgesetzten, teils seilversicherten Passagen und Stahlleitern. Rückweg wie Hinweg (ca. 11km & 350hm) Schwindelfreiheit & Trittsicherheit von Vorteil!

Variante: von Rifugio Faloria (Cortina) über Forcella Faloria und Ponta Negra 2847m (Klettersteig)
Oder: steiler Anstieg durch eine Geröllrinee zur Scharte Forcella Marcoira, drahtseilgesicherte Passagen am Nordostsporn der Cima Ciadin del Làudo 2670m und durch das weite Geröllkar Ciadin del Làudo 2307m zum Sorapissee. Abstieg via Normalweg.

Wenn die Morgensonne den Nebel am Passo Tre Croci vertreibt…

Erst sanft absteigend und vorbei an alten Militärbunkern, durch duftende Wälder, quer durch Schotterrinnen – über Bäche und schlussendlich immer bergauf (mal steiler, mal weniger) – die Zinnen, der Monte Cristallo  und die Cadini-Gruppe im Hintergrund, links das wilde Val Bona zu Füssen. Immer schmaler wird der Weg, bis sich Stahltreppen steil nach oben schrauben. Die meisten Felsplatten sind abgespeckt und dementsprechend rutschig. Immer wieder knapp an Felsvorsprüngen (mit und ohne Versicherung) vorbei – wer nicht schwindelfrei ist, sollte gute Nerven mitbringen. Unterhalb des Cime di Marcoira 2422m vorbei schlängelt man sich bis in den Felskessel der Sorapis-Gruppe.
Und dann, um kurz vor neun, erscheint das Rifugio Vandelli – dahinter liegt der See, für dessen Foto so viele an diesen Ort pilgern… nur eine Handvoll Leute sind bereits hier. Ein Mädel räkelt sich auf einem Felsen und ändert ihre Posen im Sekundentakt. Trotzdem ist es ruhig, die Spiegelung perfekt. Kein lautes Wort – es hat sich gelohnt!

Das milchig-türkisblaue Juwel und der Finger Gottes

Ja, das pastellfarbene Wasser kann wirklich kein Filter noch schöner drehen. Wahrscheinlich dank dem Grund, dass striktes Badeverbot herrscht. Präsent wie kein anderer zwischen den zerklüfteten Wänden des Kessels der Sorapisgruppe sticht der Dito di Dio 2603m, der Gottes Finger, in die Luft. Wie ein Mahnmal, diesen besondern Ort zu schützen…  Das ist auch notwendig, wie nur eine halbe Stunde später klar wird. Was im Abstieg mit einer Handvoll Leuten beginnt, endet auf der Hälfte direkt in einer Kolonne. Ganze Busladungen schnaufen und schwitzen sich hier nach oben. Bereits gegen halb 11 brennt hier die Sonne auf den Fels – kein Schatten. Und von passender Ausrüstung darf man erst gar nicht erst sprechen. Handtaschen statt Rucksäcken, Softdrinkdosen statt Wasserflaschen, Leinenschuhe statt Gripsohlen. Nur für ein Foto, eh klar. Hat dann auch jeder verdient. Erheiternd nur, wenn das mühsame Styling einiger schnell enttarnter Insta-Pilger (wallende Lockenpracht, exakt gezogener Lippenstift, Sporttop zur Mini-Short samt Kniestrümpfen oder gleich im strahlend weissen Designer-Jogging-Outfit) sichtlich leiden muss… und die Anstrengung rote Wangen zaubert, die Rouge so niemals hinbekommt. Makeup schmilzt wie Eis in der prallen Sonne. Regen am Vortag, Dreckspritzer sind die neuen Accessoires! 

dav
Rückweg mit Ausblick… mit Vorsicht zu geniessen, wenn nicht unbedingt trittsichere Massen auf schmalen Pfaden unterwegs sind

Augen zu und durch – schneller Abstieg samt dem Gewissen, oben gerade noch ein ganz besonderes Platzal in Ruhe genossen zu haben. Es kommt einer Flucht gleich. Trotzdem: Dankbar! Ein Querformatfoto gibt es aus gutem Grund nicht – wer den Lago di Sorapis sehen möchte, muss zu Fuss gehen. Wie alle anderen…

Fazit: wunderschön, auch wenn der Abstieg durch die Massen für mich eher einem Horrortrip gleichkommt… einem Horrortrip, von dem ein Erinnerungs-Foto die unschönen Seiten aufwiegt!

Was bleibt ist eine Erinnerung, präsenter und prägnanter als jeder Schnappschuss.