Wie schnell sich ein technisch unschwerer 3000er im Herbst in eine anspruchsvolle und schneebedingt grenzwertige Tour verwandelt, zeigt der Ausflug ins abgelegene Sellraintal in Tirol… 

Schnee. Nicht verwunderlich Ende September. Steile Platten als Untergrund? Nicht gut. Gar nicht gut. Keine Markierungen, geschweige denn dass der Gipfel in Sichtweite ist. Rutschig. Grenzwertig. Während ich am Gosauer Gletscher guten Gewissens knietief alleine durch frische Eiskristalle zur Adamekhütte stapfte (STORY HIER NACHLESEN), bin ich heute froh über meine Begleitung. Als Berg-Partnerin ist Marlene – wie ich Teil der Munich Mountain Girls – dabei. Auf Einladung vom TVB Innsbruck sind wir zwei Tage unterwegs. Statt Lifestyle-Shopping & Bar Hopping ist erst der wahnsinnig lohnende Panorama Klettersteig auf der markanten Nordkette dran (mehr dazu bald). Und eben ein 3000er. Die Zischgeles (Zischgelesspitze, 3004m), ganz tief hinten am Ende des Sellraintals. Eine im Sommer unschwere Bergtour, die laut Beschreibung nur am Gipfel etwas Trittsicherheit fordert. Im Winter ein beliebter Skitourenberg. Bezüglich Winterhikes kann ich nirgends was finden…

Auf über 2500m müssen Marlene und ich erstmals stapfen. Davor liegt nicht wirklich viel Schnee. Kein Mensch unterwegs – dafür 4 Murmeltiere. An den steilen Platten, die leichte Kraxlerei erfordern und nach der ersten, kurzen Rutschpartie kommen mir Bedenken. Wir pausieren und checken nochmals die Karte. Wäre ich alleine unterwegs gewesen, hätte ich genau an diesem Punkt die Tour abgebrochen, umgedreht und wäre retour zum Auto. Das ist mir kein Gipfel wert. Zu zweit lässt es sich um einiges besser arbeiten – man pusht sich gegenseitig. Wir einigen uns auf einen erneuten Versuch, einen Weg durch die Platten zu finden. Wenn der nicht klappt, brechen wir ab…

Doch von vorne… Zugegeben: so schlecht habe ich mich selten auf deine Tour vorbereitet. Aber ich bin auch davon ausgegangen, einen Bergführer dabei zu haben. Schließlich kann ich mich nur selbst einschätzen und hatte keine Ahnung, wie Marlene bergtechnisch unterwegs ist. Welche Erfahrung sie hat. Und wie die Chemie sein wird. Ein nicht unwichtiger Punkt. Aber am Klettersteig war schon klar, wir kommen gut miteinander aus (trotz über 10 Jahren Altersunterschied) und ergänzen uns.

Am Vorabend nach einem langem Tag auf der Nordkette wird kurz die Route und der Wetterbericht gecheckt, morgens die Steigeisen zur sonstigen Ausrüstung dazugepackt. Fertig. Bis zum Startpunkt beim Alpengasthof Praxmar auf 1687 Metern schlängelt man sich eine gefühlte Ewigkeit durch das Sellrain bis ganz nach hinten durch. Von Innsbruck Baustellenbedingt heute fast eine Stunde. Auf dem Wanderparkplatz (4 Euro am Tag) stehen genau 2 Autos. Vor einem die mächtigen, schneebedeckten Gipfel der Stubaier Alpen. Die Sonne blinzelt über die Berge. Wir schnüren die Schuhe und schließen einen Pakt. Kein Risiko – wenn der Aufstieg durch die Schneeauflage zu schwierig oder unsicher ist, wird abgebrochen. Handschlag.

Neben uns der Aufstieg, Weg Nr. 32… zwei freundliche, freilaufende Haflinger begrüssen uns. Eine alte Skipiste führt steil nach oben. Hier stand früher der alte Hausberglift. Der Beginn ist perfekt für ein morgendliches Workout oder Bier-Detox. Kurz kommt der Gedanke auf, die Hafis zu kidnappen und das erste Stück bis zur Schefalm / Moarler Alm (1896m) hochzureiten. Beim gehen wird uns gleich warm. Die Luft ist klar, der Herbst hat mit der Färbung hier schon gut vorgelegt. Stetig und steil bergauf. Der Weg wendet sich bei ca. 2100 m dann nach links. Über den Köllenzeiger zum Dreizeiger. Der Gipfel zeigt sich ewig nicht. Nur einmal kurz und verschwindet dann wieder. Südlich unterhalb des Oberstkogel quert und dann geht es dann Richtung Ostgrad der Zischgeles. Immer im Blick: der Lüsenser Fernerkogel, seine Nordflanke und die Ausläufer seiner Gletscherzunge. Wir sind bereits gute 3 Stunden unterwegs, ohne großartig Pause gemacht zu haben. Das Tempo: angezogen. Das Fotografieren wird nebenbei erledigt. Denn: im Herbst ist die Zeit / Helligkeit bekanntlich begrenzt – zwar hat jede von uns eine Stirnlampe dabei (Standardausrüstung), aber wir legen es nicht auf eine Benützung an. Über den Stubaier Alpen ist der Himmel nicht klar, es ziehen immer wieder dunkle Wolken rein, Nebel drücken sich am Kamm entlang. Der Aufstieg zieht sich gewaltig. Aber der Ausblick entschädigt.

20170928_120901

Danach kommt die Stelle mit den Platten, an der wir zuerst nicht weiterkommen. 5 Minuten Pause, überlegen, Karte checken und jeder ein halbes Käsebrot. Hunger ist nicht wirklich vorhanden, aber der Körper freut sich über den Treibstoff. Der Blick reicht übers komplette Sellrain, Lüsental und weiter. Wir sind gut in der Zeit. Deswegen – let’s try again! Marlene macht den Vorstieg und findet eine machbare Variante im slushy Weiss. Danach wird’s wieder einfacher, sogar eine Kette zur Sicherung finden wir im Schnee. Und einen einzigen Stahltritt – der Rest bleibt vom Schnee verschluckt. Eine Spur von jemanden – zwar nicht frisch aber noch gut erahnbar. Die letzten Höhenmeter. Endlich oben, nur noch ein kurzer Stück, der Gipfel endlich anvisierbar.

4 Stunden später. Große Freude. Dicke Umarmung. Kurz durchatmen, ein Foto. Im Gipfelbuch ist der letzte Eintrag 5 Tage alt. Von Joachim. Danke unbekannterweise – auch für’s perfekte Spuren. Allerdings ist hier auch keine Pause drin. Die Wolken hinter uns werden dichter und bedrohlich dunkel, Nebel zieht auf – wir müssen schnellstmöglich runter. Der Abstieg: über den schneebedeckten Nordgrat ins Sattelloch. Im Nebel nicht ideal. Aber mit ca. 2,5 Stunden Richtwert die kürzere Variante. Von da ins Kampelloch (wo wir noch immer kurz Pause machen könnten) und zurück nach Praxmar. Ich teile mein Steigeisen-Paar, jeder eins auf den rechten Fuß. Nicht optimal, aber besser als nix. Auf geht’s. Vorsichtig und langsam die ersten Schritte bis zum Grat. Der Schnee ist viel besser auf dieser Seite. Mehr Grip, fester und trockener. Jeder Schritt muss sitzen, volle Konzentration.

IMG-20170928-WA0004
Zischgeles-Nordgrat

Joachim’s Spuren sind zum Glück auch hier erkennbar – der Mann wusste genau, wo er die Tritte setzen muss. Eine unglaubliche Erleichterung. Nichts desto trotz sondieren wir vor jedem Schritt per Stock. Und arbeiten uns so langsam aber sicher über den kompletten Nordgrat. Die Erleichterung beim Abstieg ins Sattelloch kann keiner und will auch keiner von uns beiden bestreiten. Ein Blick zurück. Der Gipfel – weg. Komplett vom Nebel verschluckt. Was für ein Timing. Auch der Nordgrat ist nur mehr erahnbar.

20170928_145511
Blick zurück: Gipfelkreuz und Nordgrat im Nebel

Deswegen: kurze Pause. Hätten wir jetzt Ski oder Board dabei, könnten wir durch Powder lässig runter wedeln. So bleibt uns nur der Rückweg zu Fuß. Stapfend im bis zu knietiefen Schnee. Am Kampelloch verabschiedet sich das Weiss, Sturzbäche übernehmen. Auch der Abstieg zieht sich – vielleicht sind wir von dem anspruchsvollen Tag aber auch einfach nur geschafft. Durchs Marlerbachtal, über Weiden, durch Bäche und den letzten Rest querfeldein über die Piste zurück zum Auto. Geschafft. Kurz vor 17.00 Uhr. STOLZ. Im Alpengasthof Praxmar ein großer Brauner. Marlene bestellt Torte zum Kaffee. Ein echter Tipp – die üppige Portion würde auch für zwei reichen und schmeckt traumhaft…

Alles in Allem eine wunderschöne aber unter diesen Umständen grenzwertige Tour. Im Sommer eine technisch einfache Bergtour, die auch für weniger geübte, aber ausdauernde Bergsteiger geeignet ist. Die Zischgeles ist ein freundlicher 3000er sozusagen. Aufstieg: 1300HM. Es gibt keinerlei (Schutz)Hütten, Unterstände o.ä.

PS, nicht unwichtig: kaum bis gar kein Netz auf der gesamten Tour!!!

Danke an den TVB Innsbruck / Region Innsbruck für die Einladung! Und danke MARLENE für’s gemeinsame Rocken der Tour – checkt ihr Instagram-Profil @marlenesleben / @munichmountaingirls