Die Gosaukamm-Umrundung ist eine der schönsten Touren, die vom Salzkammergut ins Salzburger Land und retour führt. Für die normale Route (22km & 1880hm) sollten 8 Stunden eingeplant werden, wenn man sie in einem Tag gehen möchte. Es gibt aber noch eine alpine Variante mit rund 2500hm im Auf- und Abstieg…  

Vorneweg: es geht mir nicht um schneller höher weiter, diese Tour war aber durchaus ein Leistungstest für mich. Und mein Knie. Anfangs hatte ich nur die normale Variante geplant, wollte im Abstieg sogar 600hm einsparen und mit der Gosaukammbahn zurück zum Gosausee gondeln. Als Belohnung quasi. Mehr als 800, 900hm im Abstieg hab ich nach der OP noch nicht gemacht. Aber wenn es einmal läuft… und zwar so gut, fällt an der Stuhlalm eine Entscheidung. Die normale Umrundung ist für mich zu Ende – statt leicht ansteigend geradeaus zur Gablonzerhütte wähle ich für den restlichen Rückweg die alpine Variante. Nix für schwache Nerven – zum Teil extrem ausgesetzt, zwar teil drahtseilversichert. Nur für Bergsteiger mit alpiner Erfahrung! Erneuter Aufstieg zu Angerkogel und dann über den Naturfreundesteig via Strichkogel & Steinriesenkogel rüber zum Donnerkogel…

TOUR: Gosausee 932m – Steiglpass 2015m – Hofpürglhütte 1705m – Schwarzkoglsteig 1600m – Stuhlalm 1467m – Start ALPINE VARIANTE -> Naturfreundesteig zum Strichkogl 2034m – Steinriesenkogl 2008m – via Donnerkogel & Gablonzerhütte  1550m retour zum Gosausee (rund 2500hm, 25km)

Die Gosaukamm-Umrundung kann natürlich in beide Seiten begangen werden. Aber ganz ehrlich – für mich und viele Einheimischen gibt es nur eine Richtung und zwar die Tour im Uhrzeigersinn mit dem Aufstieg über den Steiglpass. Erst der Sonne entgegen und danach die Sonne im Nacken. Auch die Frage, ob in einem Tag oder als Genuss-Wanderung in 2 Tagen mit Hütten-Übernachtung (z.B in der Hofpürglhütte) muss sich jeder selbst beantworten. Konditionell fordernd ist die Tour auf jedenfall, Trittsicherheit muss dafür vorhanden sein! Weiters genügend Flüssigkeit (mind. 2 Liter) einplanen – es gibt bis zur Hofpürgelhütte keine Möglichkeit zum auftanken! Parkplatz am Gosausee, unterhalb der Gosaukammbahn – kostenfrei!

Abschnitt 1: vom Gosausee zum Steiglpass

Von der rechten Seeseite aus führt der Weg Nr. 612 erst kurz durch eine Almwiese, bevor er links in den Wald zweigt und steiler ansteigt. Hinweis: Steinschlag-Gelände – es kommt immer mal was runter! Kurz nach 6 ist es noch schön kühl, der Tau glitzert und beim queren des ersten Geröllfelds unterhalb des Gosaukamms blitzen Sonnenstrahlen über den gegenüberliegenden Lärchkogel. Zurück in den Wald, vorbei an der Scharwandhütte. Die nächste Kar-Querung, kein Mensch unterwegs – nur zwei junge Gemsen spielen unterhalb der Steinriesen. Beim Bergsteiger-Denkmal kurz innehalten. Wem es gewidmet ist? Der 18j Lotte, die am 29.7.1942 als erstes Mädchen den Däumling (2322m) erfolgreich bestiegen hatte, beim Abseilen durch Hakenbruch jedoch tödlich abstürzte. Und in Folge allen Bergsteigern, die im Gosaukamm verunglückt sind. Nicht wenige Plaketten erinnern daran. Ein letztes Stück durch den schattigen Wald, bevor sattes Grün alpinem Grau weicht. Die Sonne knallt, bevor sie Wolken schlucken. Ab jetzt führt der Weg durchs Ahornkar, eine kahle Steinwüste, in der unbedingt auf die gemalten, rot weiss roten Markierungen geachtet werden muss. Es gibt keinerlei sonstige Hilfe zur Wegfindung (Schilder o.ä.). Leichte Kraxelei bringt Abwechslung bevor man das letzte, sanft ansteigende Stück zum Steiglpass erblickt. Erst hier begegnen mir zwei Einheimische, a kurzes Dischgu (Gespräch). Berg heil, weiter gehts. 

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Geröllfeld Querungen unterhalb des Gosaukamms bis zum Steiglpass: 3

Abschnitt 2: Steiglpass zur Hofpürglhütte

Oben am Steiglpass angekommen weht ein eisiger Wind. Bischofsmütze (2459m) rechts, der Blick zum Gosauer Gletscher rechts. Die Dachstein-Gruppe, nebel umwabert. Vor einem führt eine drahtseilversicherte Passage steil nach unten. Glatte Felsplatten, loses Geröll, Schotter – ein paar ausgesetzte Stellen. Aber bergab weniger mühsam als bergauf. Eine Truppe Norweger schnappt gierig nach Luft. Hochrote Köpfe. Aber: Awesome Climb! Eh kloar. Bis extrem kurze blitzblaue, enge Shorts nicht nur mich ablenken beim vorbeiflitzen. Die Hofpürglhütte sieht man bereits, die Frittattensuppe, die ich dort gleich bestellen werde, kann ich schon schmecken. Also gleich dauert noch eine gute halbe, 3/4 Stunde. Beim runtergehen reisse ich mir direkt die Hand a bissal am Stahlseil auf – Klassiker. Ja, meine Kletterhandschuhe haben heute Pause im Kofferraum. Leider vergessen. Aber dann die erste Pause… verdient. Die Sonnenterrasse hat einen wunderschönen Blick auf den Dachstein und ins Salzburger Land. 

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Abschnitt 3: Hofpürglhütte zur Stuhlalm

Über den Austriaweg 611 folgt jetzt einer der schönsten Abschnitte. Zurück zu Blumen und Almrausch – sanft schlängelt sich der Weg das erste Stück dahin, danach durch ein Almgebiet, wo Kühe sich mit freilaufenden Pinzgauern (Pferden) um das beste Fotomotiv streiten. Danach wird der Weg wieder merkbar schmäler wird. Am Schwarzkogelsteig befindet sich ein steinerner Durchgang (Durchgangsscharte), es geht seilversichert steil nach unten, bevor der Weg in Serpentinenform weiter in den Kessel ri Stuhlloch führt. Diese Passage ist nur von MAI-OKTOBER gesichert! Hat man das geschafft, lohnt sich der Blick zurück erst recht. Durch Latschen steigt man wieder an, bevor das Gelände freier wird. Auf einem grasigem Plateau unterhalb des Mandl-Kogls sieht man die Stuhlalm unterhalb liegen – wenn einem nicht die freilaufenden Kälbchen neugierig die Sicht versperren…

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Umdrehen lohnt – der Dachstein im Rücken…
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Kurz vor der Stuhlalm, Blick zur Bischofsmütze

Abschnitt 4: alpine Variante, von der Stuhlalm über den Naturfreundesteig zum Strichkogel, Steinriesenkogel und Donnerkogel

Von der Stuhlalm wären es jetzt noch gute 2 Stunden zurück zur Gablonzerhütte. Über eine Forststrasse und einfache Pfade. Aber es ist erst kurz nach mittag, das Bergwetter perfekt, die Felsen staubtrocken und meine Konditions-Akku noch erstaunlich gut geladen. An manchen Tagen muss man dann einfach seine Plänen umschmeissen. Kurzer Blick in die Karte. Alpine Variante über Strich- & Steinriesenkogel? Eine ernsthafte Bergtour, die Kraft kosten wird und der Abstieg vom Donnerkogel ist auch nicht gerade der einfachste bzw. knieschonendste. Aber: wann, wenn nicht heute? Wenn der Kopf will, zieht der Körper mit. Von der Stuhlalm gehts z.t. steil bergauf – durch Latschen in einem weiten Bogen erst nach Norden und wieder zurück; entlang der Nordwände des Angersteins über Schutt aufwärts bis zum Sattel. Ein Blick runter ins Ostkar des Gosaukammes bevor es kurz ausgesetzt weiter geht. An der Weggabelung („Naturfreundesteig – nur für geübte Bergsteiger„) rechts hinauf auf den extrem engen und exponierten Gipfel des Strichkogels 2034m – anfangs durch enge Latschen, dann frei über kleinere Felsstufen zum Gipfel. 1 1/2Std. von der Stuhlalm, Gipfelkreuz gibt es keines. Retour zur Weggabelung, wo der teilweise seilversicherte Steig am Gosaukamm Nordwärts hinüber Richtung Donnerkogel beginnt: steiler Abstieg in das Kar (I), weiter mit leichteren, aber ausgesetzten Klettereien wieder hinauf (hier pumpe ich das erste Mal ganz schön, das Herz klopft nicht nur ein paar Takte schneller. Die Finger krallen sich fest. Oida, gehts da steil owi.). Für den Kopf würde hier jetzt ein Klettergurt helfen… Ruhig ein paar Mal tief durchatmen – viel besser. Weiter über einen Felsblock und dann in mäßiger Kletterei (I) durch Latschen auffi zum Südgrat des Steinriesenkogels 2008m. Die nächsten 25m (I+) sind ziemlich ausgesetzt, danach wieder leichter (ca. 1/2Std. vom Strichkogel). Auch hier gibts kein Gipfelkreuz, aber eine markante senkrechte Ostwand. Der Abstieg hinunter in die Scharte zwischen Steinriesenkogel und Donnerkogel ist einfach – knietechnisch lasse ich aber hier sicher einige Zeit liegen. Danach muss die zu einem schmalen Band verengte Südwand durchklettert werden (ca. 20m, I+). Zurück im Latschen-Gebiet weiter Richtung Großer Donnerkogel 2055m. Wer noch immer nicht genug hat, kann den auch noch mitnehmen (ca. 1/2Std. vom Steinriesenkogel). Ich verzichte. Der Abschnitt hat mich Kraft gekostet. Es ist 17.00 und der Abstieg komplett (weil Gondel weg) wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Ja, etwas Müde. Zeit für Big Schlupfi, meine Knie-Bandage. Das neue Kreuzi hat genug geleistet und darf sich auf etwas Unterstützung freuen. Extrem langsam aber noch immer schmerzlos klettere und gehe ich nach unten. Ein Einheimischer sprintet an mir vorbei – nur a schnelle Runde aufn Kogl. Die zahlreichen Platten nicht unterschätzen… es wurden in den letzten paar Jahren mehr Drahtseilversicherungen angebracht. Normalerweise sollte man 1,5h bis zur Zwieselalm/Gablonzerhütte rechnen.

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Blick vom Aufstieg zum Steinriesenkogel zurück zum Strichkogel

Abschnitt 5: Törleck – Gablonzerhütte – Gosausee

Fast geschafft, nahe des Törleck-Senders, wo sich der Einstieg zum Donnerkogel- Klettersteig befindet, muss ich mich kurz sammelnMüde, Verschwitzt, total im Arsch, hungrig aber gleichzeitig tiefenentspannt und glücklich. Die Finger schmerzen vom Klettern, die Wadl a bissl aufgrissen von den Latschen und den Felsen, die Zehen und Ballen brennen in den Schuhen,… Blick auf den Gosausee & den Gosauer Gletscher. Von hier kenne ich den Abstieg im Schlaf. Gute 600hm warten noch, der Gang dezent unrund mittlerweile. Aber das macht heute das Kraut nicht mehr fett (wie´s heisst). Durch den Wald geht es unschwierig über den Steig stetig bergab zum Gosausee. In meiner Trinkblase noch ein Rest Wasser, reicht genau bis zum kleinen Brunnen oder zur Quelle. Zum auffüllen bin ich zu müde. Trinke direkt. In der Sonne oben auf der Terrasse der Gablonzer wärs jez schon auch nett gewesen. Aber: dahoam in Goisern wartet ein frisches Schwammerl-Knödl-Gröstl von da Mama… und unten der See.

 

20.00 Uhr. 13 Stunden nach Start. 2500 Höhenmeter im Auf- und im Abstieg. 25 Kilometer. Am Freitag den 13. Juli. Leicht emotional, Tränen im Aug – die Gosaukamm-Umrundung Alpin gheart erst dir, wennst heil wieda unten bist… was für eine GEWALTIGE TOUR!

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Da brauchts koane Worte…